«The magic happens
outside of your comfort zone» Barbara Jäggi

Shift von Identifikationen

August 26th, 2026

Eine Klientin kommt mit einer starken Sehnsucht nach Kreativität und Lebendigkeit. In ihrem Erzählen ist viel Bewegung, Tempo und Überschwänglichkeit. Doch in dem Moment, in dem sie aus der Vorstellung in die unmittelbare Wahrnehmung kommt, verändert sich alles: Die Bewegungen werden langsamer, sie kommt in Kontakt mit körperlichem Schmerz und schließlich in eine ganz tiefe Stille.

Und gerade dort, wo zunächst scheinbar das Gegenteil von Lebendigkeit geschieht – in der Langsamkeit, im Stillstand, im Verweilen –, entsteht ein Raum, in dem etwas Neues erfahren werden kann. Sie muss nichts herstellen, nichts beschleunigen, nichts ausdrücken. Sie darf einfach da sein. Und aus dieser tiefen Ruhe heraus beginnt irgendwann ganz von selbst wieder Bewegung zu entstehen.

Vielleicht liegt genau darin eine wesentliche Erfahrung des neurosensitiven Malens sowie in der Neuroregulation: Wir begegnen nicht unbedingt dem, was wir uns unter Kreativität, Lebendigkeit oder Verbindung vorstellen. Wir begegnen dem, was sich in diesem Moment tatsächlich in uns bewegt – oder auch nicht bewegt.

Und manchmal verändert diese Erfahrung nicht nur unseren Zustand, sondern auch unsere Vorstellung davon, was Lebendigkeit überhaupt sein kann. Sie muss nicht laut, schnell oder überschäumend sein. Sie kann ganz still sein. Sie kann im Spüren liegen, im Verweilen, im Seinlassen, im tiefen Kontakt mit dem eigenen Körper. Und vielleicht entsteht genau daraus eine andere, unmittelbarere Form von Kreativität: nicht die Kreativität, die wir machen, sondern die, die aus dem Kontakt mit uns selbst heraus entstehen darf.

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Positive Aggressionsimpulse

August 18th, 2026

Gesunde Aggressionsimpulse sind bereits im Kleinkindalter grundlegend für unsere Entwicklung. Noch bevor ein Kind Sprache hat, drückt es über Körper, Stimme und Verhalten sein „Ja“ und „Nein“ aus. Es beginnt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, sich abzugrenzen und erste Autonomiebestrebungen zu entwickeln.

In diesem ursprünglichen Sinn ist Aggression nichts Negatives. Sie ist eine grundlegende Lebens-, Selbstbehauptungs- und Abgrenzungskraft. Sie hilft uns, Bedürfnisse zu vertreten, Grenzen zu setzen und handlungsfähig zu bleiben.

Werden diese Impulse jedoch chronisch unterdrückt, beschämt oder nicht beantwortet, kann ein Kind lernen, seinem eigenen „Nein“, seinem Ärger und seinen Bedürfnissen nicht zu vertrauen. Die Kraft wird zurückgehalten, kann sich anstauen, passiv-aggressiv werden oder sich gegen die eigene Person richten.

Unter bestimmten Bedingungen können unterdrückte Impulse später auch in destruktive Formen von Aggression übergehen – etwa in Grenzüberschreitungen, Dominanz, Manipulation, Einschüchterung oder Gewalt. Sie können sich aber auch nach innen richten und mit innerer Anspannung oder anderen psychischen und körperlichen Belastungsreaktionen verbunden sein. Das geschieht nicht zwangsläufig, sondern hängt von vielen weiteren Entwicklungs- und Beziehungserfahrungen ab.

Neuroregulation kann dabei unterstützen, diese verschütteten oder unterbrochenen Impulse wieder wahrzunehmen und ihnen einen angemessenen Ausdruck zu geben. Es geht nicht darum, Aggression wegzumachen, sondern darum, die eigene Kraft spüren und regulieren zu können.

So kann ein klares „Nein“, das Setzen einer Grenze oder das Vertreten eines Bedürfnisses wieder zu einem Ausdruck gesunder Selbstbehauptung werden.

Nicht die Aggressionskraft muss verschwinden – sie darf wieder bewusst wahrgenommen, reguliert und konstruktiv gelebt werden.

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Selbstverständlichkeit

August 7th, 2026

Sich mit einer tiefen Selbstverständlichkeit in der Welt willkommen zu fühlen, ist die Grundlage für ein freies und lebendiges Leben. Als Kinder sind wir darauf angewiesen, von unseren Bindungspersonen angenommen und immer wieder in Verbindung gebracht zu werden. Dabei geht es nicht um eine perfekte Beziehung. Missverständnisse, Trennungen und Verletzungen gehören zum Leben. Entscheidend ist, dass diese Brüche gesehen und wieder repariert werden. So macht das Kind die Erfahrung: Auch wenn Verbindung einmal verloren geht, kann sie wieder entstehen. Es muss nicht um sein Dasein oder seine Zugehörigkeit fürchten. Diese Erfahrung stärkt das Nervensystem und legt die Grundlage für Vertrauen und innere Sicherheit.

Werden die Impulse eines Kindes jedoch wiederholt mit Ablehnung, Beschämung, Auslachen oder Herabsetzung beantwortet („Ach das kannst du besser.“ „So ein Trotzkopf!“ „Lass mich in Ruhe mit deinen…“), ohne dass es zu einer echten Wiedergutmachung kommt, verliert es zunehmend das Vertrauen in seine eigene Lebendigkeit. Statt spontan seinen Bedürfnissen, seiner Neugier oder seiner Freude zu folgen, beginnt es, sich anzupassen, sich zurückzuhalten und ständig zu prüfen, ob es willkommen ist oder abgewiesen wird.

Mit einer Selbstverständlichkeit da zu sein bedeutet, den eigenen Impulsen folgen zu können – sich Menschen zuzuwenden, Entscheidungen zu treffen oder neue Wege zu gehen, ohne sich permanent selbst infrage zu stellen. Es bedeutet, einfach zu sein, weil das eigene Dasein nicht erst verdient oder gerechtfertigt werden muss.

Wenn du dir dieses Gefühl einer selbstverständlichen Zugehörigkeit und Lebendigkeit wünschst, können wir gemeinsam erforschen, was dich heute noch davon abhält. Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass du Strategien der Anpassung entwickelt hast? Und wie kannst du Schritt für Schritt wieder zu einem Leben finden, in dem du dich ohne Masken und ohne ständige Selbstkontrolle willkommen fühlst?

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