{"id":657,"date":"2016-12-23T11:52:44","date_gmt":"2016-12-23T11:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lamuna.ch\/blog\/?p=657"},"modified":"2016-12-23T11:54:46","modified_gmt":"2016-12-23T11:54:46","slug":"schwellengesprache-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lamuna.ch\/blog\/?p=657","title":{"rendered":"Schwellengespr\u00e4che 3"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-658\" title=\"Schwellengespra\u0308che 3\" src=\"https:\/\/www.lamuna.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Schwellengespra\u0308che-3.jpg\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"395\" \/><\/p>\n<p>Ich sitze im dunklen und geweihten Raum. Still ist es und weit und tief in mir.<br \/>\nIch bin so ganz im Zentrum meiner Selbst.<br \/>\nDa kommt ein kleines Wesen herein geschlichen.<br \/>\nGanz geduckt schleicht es herein. Die Augen sind weit ge\u00f6ffnet und sie schauen in alle Richtungen.<\/p>\n<p>Sofort wird mir ganz eng in meiner Brust, mein Atem geht flacher.<br \/>\nEs wird mir kalt. Wie kann ein so kleines Wesen in k\u00fcrzester Zeit diesem grossen weiten Raum f\u00fcllen mit seiner Angst?<br \/>\n&#8222;Psst!&#8220; rufe ich sie. Sie ist schreckhaft.<br \/>\n&#8222;Ja bitte?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was schleichst du so herum?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich muss mich still verhalten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, warum denn?&#8220; fragge ich.<br \/>\n&#8222;Es k\u00f6nnte mich jemand sehen oder h\u00f6ren.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich sehe dich.&#8220; sage ich zur Angst.<br \/>\n&#8222;Ja, das reicht. Mir ist so eng.&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh ja, ich sp\u00fcre das. Es erf\u00fcllt den ganzen Raum.&#8220;<br \/>\nSie atmet flach und kalte Schweissperlen erscheinen auf ihrer Stirn. Sie f\u00e4chelt ein wenig, um Luft zu bekommen.<br \/>\nUnd steht dann so verklemmt da. Die Schultern hochgezogen.<br \/>\nMir selber zieht es unweigerlich den Nacken zusammen, nur vom Zusehen.<br \/>\nIch gehe langsam auf sie zu. &#8222;Wovor f\u00fcrchtest du dich?&#8220; frage ich sie.<br \/>\n&#8222;Es k\u00f6nnte etwas passieren.&#8220;<br \/>\n&#8222;Es passiert andauernd etwas.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich meine etwas Schlimmes.&#8220;<br \/>\n&#8222;Was w\u00e4re denn schlimm?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich k\u00f6nnte den Boden unter den F\u00fcssen verlieren.&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh, ich verliere andauernd den Boden unter den F\u00fcssen.&#8220; entgegne ich vers\u00f6hnlich.<br \/>\n&#8222;Und was machst du dann?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nichts. Ich bleibe stehen und schaue und horche und sp\u00fcre.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aha.&#8220; Jetzt ist sie interessiert. Aber sogleich verdunkelt sich das kleine Gesichtchen wieder.<br \/>\n&#8222;Aber es k\u00f6nnte etwas Schlimmes \u00fcber mir oder hinter mir hereinbrechen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, was denn?&#8220; frage ich.<br \/>\n&#8222;Ich weiss nicht, irgendetwas! Ich f\u00fchle mich nie sicher!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich auch nicht.&#8220;<br \/>\nIch nehme sie langsam an der Hand. &#8222;Ich helfe dir.&#8220;<br \/>\nDie Hand zittert und ist kalt. Aber dann sp\u00fcrt sie meine W\u00e4rme und sie wird entspannter.<br \/>\nNun redet sie ununterbrochen, in einem unaufh\u00f6rlichen Redeschwall. Alles will sie mir erz\u00e4hlen; von diesem und von jenem. Sie will v\u00f6llig mit mir in Beziehung sein. Ich f\u00fchle mich etwas \u00fcberschwemmt von dieser Redewoge.<br \/>\n&#8222;Du, h\u00f6r mal.&#8220; unterbreche ich.<br \/>\n&#8222;Ja?&#8220;<br \/>\n&#8222;Sei mal still und lausche mal in diesen Raum. Was h\u00f6rst du?&#8220;<br \/>\nAngestrengt lauscht sie in den weiten Raum. &#8222;Ich h\u00f6re einen tiefen und einen hohen Ton, weit weg.&#8220;<br \/>\n&#8222;Interessant. Wollen wir ihn singen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Singen?&#8220; fragt sie unsicher.<br \/>\n&#8222;Ja, singen!&#8220; Sie beginnt sich zu konzentrieren und dann findet ein feiner leiser sanfter Ton hinaus aus ihr.<\/p>\n<p>Ich bin ber\u00fchrt. &#8222;Ja. Sch\u00f6n. Und der tiefe Ton?&#8220;<br \/>\nWieder lauscht sie in sich hinein und holt dann aus ihren Tiefen einen Ton hervor.<br \/>\n&#8222;Oh.&#8220; Ich stimme nun ein in diese zwei T\u00f6ne. Die Augen der Angst beginnen zu leuchten.<br \/>\nSie nickt. Gemeinsam lassen wir nun diese hohen und tiefen T\u00f6ne in den Raum schwingen. Immer mehr Kl\u00e4nge dringen zwischen diesen zwei T\u00f6nen hervor. Und es entsteht ein Lied.<br \/>\nDarin beginnt unsere Seele zu tanzen.<br \/>\nIrgendwann verklingt es, langsam nur. Selbst als es still ist, h\u00f6ren wir das Lied noch in uns.<\/p>\n<p>Die Angst schaut nun mit gesenktem Kopf auf sich nieder. &#8222;Ich bin noch nicht gut genug darin.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das macht nichts. Ich \u00fcbe auch immer noch. Komm lass uns eine Tasse Tee trinken zusammen.&#8220;<br \/>\nSie h\u00e4lt sich fest an der warmen Tasse und schl\u00fcrft ein wenig Tee. Das kommt schon noch, denke ich, dann wird sie sich nicht mehr am Tassenrand festhalten. Dann wird sie ihre Hand \u00f6ffnen und sie wie eine Schale f\u00fcr die Tasse halten. Sie wird in die Tasse schauen und zusehen, wie sich das ger\u00fchrte heisse Wasser dreht, bis es still ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze im dunklen und geweihten Raum. Still ist es und weit und tief in mir. Ich bin so ganz im Zentrum meiner Selbst. Da kommt ein kleines Wesen herein geschlichen. Ganz geduckt schleicht es herein. Die Augen sind weit ge\u00f6ffnet und sie schauen in alle Richtungen. 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